Was heute Morgen schon nicht mehr ganz so energetisch wirkte, war in der Nachmittagsrunde eher nur noch mit Schneckentempo zu beschreiben: Einige Mädchen schienen ernsthaft zu überlegen, ob sie sich wirklich noch einmal in den Turniersaal begeben sollten. Allgemeine Müdigkeit machte sich breit. Auch das leckere, aber deftige Mittagessen in Form von Schnitzeln mit Kartoffelsalat, das vielen sehr gut schmeckte, weckte irgendwie nicht wirklich die Lebensgeister. Jetzt zeigt sich, wer viel Routine mit stressigen Turnieren, eine gute Physis, einen gesegneten Schlaf und allgemein ein dickes Anti-Stressfell sowie ein hohes Resilienzlevel hat.
Der Geheimtipp für die Mittagspause zwischen den beiden Runden war ein Besuch beim örtlichen Eisautomaten. So lassen sich die Energiereserven im Handumdrehen auffüllen. Vermutlich wäre der Automat bereits leer, wäre der Weg von dort zurück zur Burg nicht so beschwerlich. So überlegt man sich ganz genau, ob man wirklich ein leckeres Handmade-Eis vom Werzinger Hof möchte oder aber doch lieber die bequem im Burg-Kiosk zu erwerbende Industrieware von bekannten Eisproduzenten. Gerüchtehalber haben einige sogar überlegt, statt der Portionsbecher doch lieber die Werzinger-Eis-Familienpackung für die ganze Woche zu nehmen und zu bunkern. Die moderaten Außentemperaturen sprachen aber eher nicht für diese Lösung.

Auch die Mädchenreferentin scheint angesichts des herannahenden Endes des Turniers von großer Emsigkeit befallen zu sein. Es wird sortiert, gepackt und beschriftet. Die gammligen analogen und defekten Schachuhren waren samt historischem Aufbewahrungskoffer eigentlich dem Sperrmüll geweiht. Die letzten Tage hatten weitere anachronistische Stücke in ihren Kartons noch munter im Schiedsrichterkabuff vor sich hin getickert, sodass man als Schiedsrichter und Betreuer jeden Morgen wieder dachte: „Irgendwas explodiert hier gleich.“ Aber es kam ganz anders als gedacht: Auf dem Weg zur (von der Burg genehmigten) Müllablage im Müllhäuschen fanden alle noch funktionierenden historischen Uhren blitzartig Abnehmer. So mancher Schachspielerinnenhaushalt bekommt jetzt ein neues historisches Accessoire für das Wohnzimmer. Und es sind trotzdem noch zwei Kartons voller antiker Stücke vorhanden, die nun fröhlich im Auto der Mädchenreferentin vor sich hin tickern.

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Und was gibt es zum Schachlichen zu sagen?
Eines sei vorab verraten: Eine bayerische Meisterin steht nach der 6. Runde noch nicht fest! Einen Qualifikationsplatz zur DJEM sicher haben dürfte Lin Englert, ansonsten ist alles noch mehr oder weniger offen.
U10w:
Nach ca. 60 Minuten hatte Alicia Schaper einen Haken an ihre 6. Runde gemacht und das 1:0 gegen Katharina Lalenko eingetütet. Alicia hatte in der Eröffnung bereits eine Figur gewonnen, danach gesellte sich auch noch eine Qualität dazu – dann war der „Kas bissen“, wie man in Oberbayern sagt. Vielleicht möchte sie sich der Vorbereitung auf das heutige Tandemturnier widmen. Auch Alica Lachenmaier brachte aus ihrer Partie gegen Marlene Giss am Brett den vollen Punkt mit nach Hause. Die beiden teilen sich somit die Tabellenspitze mit 5 aus 6, wobei Alicia Schaper den winzigen Vorsprung von einem Buchholzpunkt hat. Beide spielen morgen noch einmal gegen starke 4-Punkte-Verfolgerinnen. Es wird also in der Finalrunde so richtig spannend in der U10w – sowohl um den Meistertitel als auch um die Qualifikationsplätze, für die noch mindestens fünf Mädchen infrage kommen.
U12w:
Isabella Artemenko musste heute gegen Sarah Ito an Brett 2 ihr zweites Remis in einer ansonsten makellosen Serie in Kauf nehmen. Die Partie Sophie Zhong gegen Miriam Gubler an Brett 1 ging ebenfalls unentschieden aus. Da Annika Giss an Brett 3 ihre Schwarzpartie gegen Malika Abdullayeva gewann, konnte sie wieder in die Spitzengruppe aufschließen.
Es gibt nun zwei Spielerinnen mit 5 aus 6 (Artemenko und Zhong) und zwei Spielerinnen mit 4 aus 6 (Giss und Gubler). Diese vier werden den Titel unter sich ausmachen. Für den Qualifikationsplatz 3 kommen theoretisch weitere fünf Spielerinnen infrage.
U14w:
In der U14w gab es heute einen deutlichen Überhang an Weißsiegen: Olha Ratushna konnte mit Weiß gegen Ann Englert gewinnen und meldet sich nach der Niederlage in der Vorrunde zurück in der Verfolgergruppe. Amelie Werner verpasste die Chance, den Sack frühzeitig zuzumachen, und nahm mit Schwarz gegen Smrithi Suryaprakash ein Remis in Kauf. Sie führt weiterhin mit einem halben Punkt Vorsprung vor Smrithi Suryaprakash und Sara Vignesh; letztere ist aber bereits für die DEM in der U12w qualifiziert ist und spielt somit zumindest hinsichtlich der Qualifikationsplätze zur DEM (zwei an der Zahl) keine Rolle. Olha Ratushna und Zuzanna Sobczak folgen auf den Plätzen 4 und 5.
Auch hier wird die letzte Runde noch sehr spannend.
U16w:
In der U16w waren viele Ergebnisse erwartbar. So hatte Franziska Wambach den knapp 600 DWZ-Punkten mehr von Valentina Neumeier eher wenig entgegenzusetzen. Der Arbeitstag von Valentina war daher recht zügig beendet. Auch Julia Schwarzfischer konnte ihren DWZ-Vorteil gegen Barbara Wachtel ins Ziel bringen und den vollen Punkt anschreiben. Das FC-Bayern-Duell zwischen Kashika Paliwal und Helena Mauhs konnte die Weißspielerin für sich entscheiden.
Mariia Averkova gewann ihre Partie gegen Tugce Türel, die eigentlich die ganze Partie über besser stand, aber dann eine Figur einstellte. Mariia bleibt damit Tabellenführerin vor Julia Schwarzfischer. Beide haben 5 aus 6 Punkten und sind nur durch einen Buchholzpunkt getrennt. Auf Platz 3 und 4 folgen mit je 4 aus 6 Punkten Nataliya Movchan und Valentina Neumeier. Das Oberpfälzer Duell zwischen den beiden guten Freundinnen Julia und Valentina an Brett 2 dürfte besonders interessant werden. Aber auch das Ergebnis am „ukrainischen“ Brett 1 zwischen Mariia Averkova und Nataliya Movchan verspricht Spannung pur. Und insgesamt wäre es ein besonderer Erfolg für das U16w-Turnier, wenn in der Schlussrunde niemand statt ans Schachbrett zum Bogenschießen geht.
Wer ergattert denn nun die zwei Qualifikationsplätze für die DJEM?
U18w:
Sowohl Lin Englert als auch Elisabeth Reich konnten ihre Partien gegen deutlich niedriger bewertete Gegnerinnen gewinnen. Die Verfolgerinnen Alexandra Wachtel und Charlotte Prokscha trennten sich ereignisarm und nahezu fehlerlos nach 23 Zügen remis. Dies veränderte zwar nicht die Reihenfolge, aber der Abstand zu den beiden vorderen Plätzen (also den Qualifikationsplätzen) wurde vergrößert. Den Meistertitel machen Lin und Elisabeth damit unter sich aus; für den 2. (Qualifikations-) und den 3. Platz kommen noch weitere Spielerinnen infrage.
Kristin Braun hat heute eine Sammlung schöner Mattstellungen erstellt. Zumindest in den unteren Altersklassen wird ja noch nicht so häufig „aufgegeben“.
U10w: Aliyeva, Renata – Promyshlyanska, Anna

U12w: Wang, Anna – Sandt, Anna-Lena

U14w: Markert, Linda – Zhu, Mia

Um 19:30 Uhr geht es heute weiter mit dem berühmt-berüchtigten Tandemturnier. Das Turnier wurde extra von Mittwoch auf Donnerstag gelegt, damit alle, die ihre Ziele schon nach der 6. Runde erreicht haben, beruhigt daran teilnehmen können. Die eher niedrige Teilnehmerzahl (10 Teams) zeigt aber, dass viele Spielerinnen offenbar noch Ambitionen haben und sich lieber vorbereiten als zum Spaß zu spielen. Mehr Infos dazu gibt es dann morgen.
Wir schließen die Berichterstattung für heute und freuen uns auf viele Leser nach der Finalrunde!